Mitleid, oder: Halte bitte nur meine Hand …

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Mitleid

Es ist Samstagmorgen, die Sonne scheint, alles ist entspannt, es scheint ein guter Tag zu werden. Während ich im Bad bin läutet das Telefon. Ich lass es läuten. 1 Minute später noch einmal. Dann signalisiert ein Klingeln den Eingang einer SMS. Irgendwie läuten auch in mir drinnen die Alarmglocken. „Ruf zurück – gleich!!!“ Das klingt nach Schwierigkeiten.

Wer kennt es nicht

Ein guter Freund, der Partner, jemand dem wir sehr nahe stehen, ist in Schwierigkeiten. Voll Verzweiflung und Schmerz klagen sie uns ihr Leid, weinen, schimpfen, hadern mit dem Schicksal – die Welt scheint zusammenzubrechen. Oft kommen diese Ausbrüche ganz plötzlich und unerwartet, oft regelmäßig. Es geht um die herausfordernden Themen in unserem Leben: Verlust von geliebten Menschen durch Trennung oder Tod, Krankheit, Überforderung am Arbeitsplatz, Ehekrisen, finanzielle Sorgen, Kinder, Persönlichkeitskrisen, Arbeitslosigkeit, etc. Jeder kennt es. Und trotzdem (oder gerade deshalb), wenn ein geliebter Mensch in der Krise steckt tut uns das natürlich ebenfalls weh. Wir sind betroffen, instinktiv wollen wir helfen, wollen das Leid schnell beenden. Damit stecken wir automatisch mit drinnen in der Krise – der Begriff „Mitleid“ beschreibt den Zustand sehr anschaulich.

Was die Menschen in solchen Krisensituationen aber meistens brauchen ist keine Hilfe in Form von Lösungen und Ratschlägen, kein Mitleid. Lösungen kann nur jeder für sich selbst finden, Mitleid lässt sie schnell in die Opferrolle rutschen, was jeden handlungsunfähig macht. Was sie brauchen, ist ganz unterschiedlich: manchen reicht ein warmes Essen, ein offenes Ohr, eine Umarmung, eine Flasche Prosecco, eine Runde Sport, ein gemeinsamer Spaziergang, eine Stunde Schlaf. Wir würden alle gut daran tun einfach zu fragen, was der andere braucht, was im Moment fehlt, damit es – zumindest kurzfristig – leichter wird. Das ist schon eine große Hilfe.

All unsere schnellen Lösungen und Ratschläge, die wir anzubieten haben, gehen immer auf unsere eigene Wahrheit, unsere eigenen Erfahrungen zurück. Das können aber maximal Anregungen sein (wenn überhaupt). Sie haben nichts mit der Wahrheit, mit dem Leben, den Bedürfnissen und den Systemen unseres Gegenübers zu tun. Unser Drang, immer auf alles eine Antwort zu haben, stets einen Weg für alles zu wissen, leider auch all zu oft zu urteilen und zu werten – all das bringt niemanden einen Schritt weiter.

Oft geht unsere Hilfsbereitschaft so weit, dass wir in unserem Mitleid selbst aktiv im Problem des anderen werden. Wir nehmen ihm die Verantwortung ab. Das scheint zwar für den Moment einen positiven Effekt zu haben, den anderen aber aus der Selbstverantwortung zu „entlassen“ ist selten hilfreich.

Aber nur da sein für unsere Nächsten, vollkommen wertfrei zuhören, ihnen ausschließlich unsere Zeit zu schenken und auch mal die Zeit still stehen zu lassen – das ist so viel wert. Es ist nicht leicht, sich in so einer Situation auf die Intensität des Schmerzes, der Trauer, der Wut, der Verzweiflung, des Zorns, etc. einzulassen und einfach nur da zu sein, ohne zu handeln. Wir wollen das beenden, wir wollen helfen, wir wollen, dass es dem anderen wieder gut geht. Aber – in solchen Situationen geht es nicht darum, was WIR wollen.

Ich finde, man muss nicht immer „etwas tun“.

Lass uns drüber reden.